Gefangen im künstlichen Selbstbelügungsstrudel

Ich habe mich, sagt Vorderbrandner, in meiner Kunst verloren, ich kreise um ein Thema mit Variationen, und mittlerweile ist es keine Kunst mehr, weil es nicht mehr meine Wahrheit ist. Ich habe mich von mir selbst entfernt in meinen Variationen, in meinem Wahn, Kunst treiben zu müssen. Kunst ist das, was meine Wahrheit ist, und wenn das, was ich treibe, nicht mehr meine Wahrheit ist, ist es keine Kunst mehr, nicht für mich und schon gar nicht für jemand anderen.

Ich muss versuchen, aus meinem Selbstbelügungsstrudel, in den ich mich hineingetrieben habe und darin steckengeblieben bin, hinauszukommen, aus diesem Strudel, der sich wie eine steckengebliebene Schallplatte um sich selbst dreht und nicht vom Fleck kommt. Das, was ich bisher als meine Kunst bezeichnete, hat sich zu künstlichem Bemühen entwickelt, das Kunst sein will und es niemals sein kann, sagt Vorderbrandner.

Vorderbrandner sagt weiter, er wolle sich nun für eine Weile zurückziehen, um sich zu sammeln, um zu Kräften zu kommen, denn er habe sich treiben lassen und sich selbst getrieben, hinein in diesen Selbstbelügungsstrudel, dem er nun zu entkommen gedenke. Er sagt, er müsse nun diesen Tod leben, so absurd es klinge. Der Tod ist die Chance auf neues Leben, meinte er.

Wir müssen also vorläufig mit Vorderbrandners bisheriger Kunstsammlung das Auslangen finden und mit dem Vorwurf leben, ihn in diesen Strudel mit hineingetrieben zu haben.

Ando, der aus den Anden kam

Einst, es war wohl schon vor langer Zeit, kam einer aus den Anden in die Stadt. Man nannte ihn Ando. Mit der Zeit kamen viele aus den Anden in die Stadt, und es gab viele Andos in ihr.

Einmal kam einer, der sah sehr erschöpft aus.
Man fragte ihn: Wo kommst du denn her?
Aus den Anden, sagte er.
Aber warum bist du so erschöpft? fragte man ihn weiter.
Ich komme von fern aus den Anden.
Aha, sagte einer, ein Fernando.
Aha, wiederholten die anderen, ein Fernando.
So nannte man ihn Fernando.

Ein ander Mal kam einer, der sah sehr erholt aus, aber er behauptete, er käme ebenfalls aus den Anden. Man fragte ihn, von wo er aus den Anden käme, er zögerte kurz mit seiner Antwort und sagte dann, er käme von relativ nah aus den Anden. Man nannte ihn daher Nahando, doch nach genaueren Nachforschungen stellte sich heraus, dass er lediglich aus einer anderen Straße der Stadt um die Ecke gebogen war und nur behauptet hatte, aus den Anden zu kommen. Man nannte ihn fortan nicht mehr Nahando, sondern Lügner.

Den anderen Ando, den erschöpften, der aus der Ferne gekommen war – Fernando – verehrte man sehr, fast kultisch. Man komponierte ihm zu Ehren ein Lied, das von zwei jungen, hübschen Frauen der Stadt gesungen wurde:

Wieder ein anderes Mal kam einer in die Stadt, der hatte auffallend lange und kräftige Arme im Vergleich zu seinem restlichen Körper. Auch er behauptete, aus den Anden zu kommen, daher nannte man ihn Armando.

Später behauptete einer, dieser Ando sei nicht wegen seiner überproportionalen Arme Armando genannt worden, sondern weil er so arm gewesen war. Aber diese Behauptung stellte sich als Unsinn heraus, denn einer der vielen anderen Andos, die in der Stadt lebten, stellte die Gegenthese auf und sagte:
Wenn dieser Ando so arm gewesen sein soll, wieso ist dann nie ein reicher Ando in die Stadt gekommen, den man Reichando genannt hätte?
Stimmt, wiederholten die meisten anderen: Wieso ist nie ein Reichando in die Stadt gekommen?
Und so einigte man sich, dass dieser Ando, den man Armando genannt hatte, wegen seiner überproportionalen Arme und nicht wegen seiner Armut Armando genannt worden war.

Für diese These spricht, dass einmal zwei in die Stadt kamen, von denen ein jeder sehr überproportionale Beine hatte. Auch sie behaupteten, aus den Anden zu kommen, und so nannte man jeden von ihnen Beinando. Jedoch, weil der eine immer mit dem anderen beieinander war, nannte man später jeden von ihnen auch Beieinando. So sind die beiden mehr als Beieinandos denn als Beinandos in Erinnerung.

Jüngst war einer in die Stadt gekommen, der gründete einen Lieferdienst. Man fragte ihn gar nicht mehr, woher er gekommen war, denn man nimmt inzwischen an, dass alle, die in die Stadt kommen, aus den Anden kommen. Man nennt ihn Lieferando.

Frau Kniebe und Herr Schwerden

Seltsamerweise weiß niemand genau, woher Frau Kniebe und Herr Schwerden kamen, manchen sagen, irgendwo aus Niedersachsen, anderen sagen aus Westfalen und wieder andere sagen vom Niederrhein. Manche behaupten, sie müssen vom Niederrhein gekommen sein, denn sie dürsteten nach den Bergen, also müssen sie aus einer sehr flachen Gegend gekommen sein, so die Behauptung.

Aber sie kamen gar nicht gemeinsam, denn sie lernten sich erst in den Bergen kennen, als sie auf einen Gipfel hetzten. Ein Wunder, dass sie sich bei dieser Hetzerei kennenlernen konnten, denn sie hetzten immer auf die Berge, um anschließend wieder herunterzuhetzen und todmüde ins Bett zu fallen. Vielleicht glaubten sie auch nur, sich bei ihrer Hetzerei kennengelernt zu haben, gemeinsam hetzen verbindet, glaubten sie, die Berge verbinden, wenn man dem Flachland entflohen ist, glaubten sie.

Irgendwann aber, so heißt es, stellte sich bei Frau Kniebe und Herrn Schwerden Erschöpfung ein, nicht nur nach ihren Gipfelhetzereien, wenn sie abends erschöpft ins Bett fielen, sondern schon währenddessen, und so saßen sie eines Tages an einem Hang, unfähig, den Gipfel zu erreichen, und um nicht in Verzweiflung zu verfallen, sagte Herr Schwerden zu Frau Kniebe: Willst du mich heiraten? Gerührt humpelten sie ins Tal und fielen erschöpft in ihr Bett, als sie es endlich erreicht hatten. Anschließend hatten sie beide Alpträume, und am Morgen erwachten sie mit schrecklichen Kniebeschwerden.

Seitdem hat man sie nicht mehr gesehen in den Bergen. Manche vermuten, sie sind an den Niederrhein zurückgekehrt oder in ein anderes flaches Land, aus Enttäuschung über die Berge. Manche Fantasten behaupten sogar, sie hätten im flachen Land geheiratet und trügen nun den Doppelnamen Kniebe-Schwerden.

Bub und Dirndl Oris

Es gab einst Frau und Herrn Oris, und man sagt, sie waren sehr fleißige Leute. Manche sagen, sie hätten eine Schweizer Uhrmarke begründet, andere, sie wären Vorfahren von Ingenieuren, die Anhängerkupplungen herstellen. Andere wiederum sagen, sie waren sehr verliebt ineinander und küssten sich ihr Leben lang leidenschaftlich, das würde ihren Namen erklären, Os, Mund, Oris, des Mundes, und das würde auch erklären, warum Frau Oris bereits acht Kinder geboren hatte, als sich die beiden sehr müde fühlten vom Schaffen und vom Pflegen und Aufziehen ihrer acht Kinder.

Sie lagen erschöpft da, und selbst in ihrer Erschöpftheit waren sie sehr verliebt ineinander, es kam ihnen vor, als sähen sie sich zum ersten Mal, sie sahen sich in die Augen und sahen darin die ganze Welt. Aus dieser Begegnung gebar Frau Oris, Gott die HerrIn wollte es so, zwei weitere Kinder, Nummer neun und Nummer zehn, ein Mädchen und einen Jungen, und diese Doppelgeburt erschöpfte Frau und auch Herrn Oris so sehr, dass sie nicht die Kraft fanden, den beiden Neugeborenen Namen zu geben. Sie sprachen zwar nicht von Nummer neun und Nummer zehn, sondern vom Mädchen und vom Jungen, vom Dirndl und vom Buben wie man in ihren süddeutschen Breitengraden sagte.

Da waren sie also, das Dirndl Oris und der Bub Oris, nach einiger Zeit sprach man nur vom D’Oris und vom B’Oris. Nach wieder einiger Zeit verschwanden dann auch die Apostrophe, und man sprach und schrieb nur noch Doris und Boris. So, sagt die Legende, sind aus dem Namen Oris die Vornamen Doris und Boris hervorgegangen.

Lasset das Fest beginnen!

An Ostern, dem im Frühling angesiedelten Fest, wird in der christlichen Welt einem gedacht, der an ein Kreuz genagelt wurde und daran verreckt ist. Ein Fest, das gut in die Welt passt: Während die Natur zum Leben erwacht und Pflanzen zu sprießen beginnen, stirbt der zum Heilsbringer Auserkorene an einem Kreuz, von seinen Mitmenschen daran festgenagelt. (Während seine Geburt zu einem Zeitpunkt des Jahres zelebriert wird, an dem die Tage kurz, kalt und dunkel sind, an dem die Natur tot ist.)

Ich erinnere meine Osterflanierereien in Wald und Flur, die Vögel sangen und an den Zweigen der Bäume begann es zart zu grünen. Doch immer kam ich bei diesen Flanierereien in meiner ländlich, katholisch geprägten Kindheit und Jugend an einem Wegkreuz vorbei, an dem er hing, der Heilsbringer, schlaff, ermattet, mit gesenktem, dornengekröntem Haupt. Manchmal knieten am Fuß des Kreuzes Maria und Magdalena, Mutter und Geliebte, die leidenden Weiber. Das nächste Bild, das sich neben dem am Kreuz Hängenden bei mir einprägte: Das leidende Weib, das eine seltsame erotische Faszination bei mir auslöste.

Nach meiner Flaniererei betrat ich die barocke Basilika, wo in prunkvollem Ambiente die Violine das Leiden leidensreich beklagte, und die begleitende Orgel grundierte das Leiden majestätisch und sprach mit ihrem Klang:

Seht wie erhaben es ist, das männliche Leid zu zelebrieren mit dem leidenden Weib neben dir. Lasset das Fest beginnen!

Es muss Liebe sein

Du liegst im Gras und lässt die ersten warmen Frühlingsstrahlen der Sonne auf dich scheinen. Das Licht zeichnet sanft deine Konturen.

Beim Anblick von dir erinnere ich mich an die Zeit, als alles in mir Frühling war, als das Leben begann, sich groß vor mir aufzubauen, als eine Flut von Liebe auf mich zukam. Ich stürzte mich in diese Flut. Ich stürzte mich auf Kathi aus der Parallelklasse, die immer traurig-böse dreinschaute. Ihr Schauen beförderte meinen Ehrgeiz, ihr Herz zu erobern. In ihrem Schauen sah ich die Flut, in der ich ertrinken wollte.

Entschlossen meldete ich mich und meine Kumpels für einen musikalischen Beitrag beim Schulabschlussfest an: Nach wochenlanger intensiver Probierei und Tüftelei bespielten wir die Bühne mit It Must Be Love von Madness. Bevor wir losspielten, sagte ich vor versammelter Menge: This is a song for Kathi, my greatest love of all! Dann spielten wir los, mad, verrückt, wie große Popstars, um die Liebe auf die Spitze, ins Absurde, zu treiben. Es muss schrecklich geklungen haben, aber wir waren überzeugt, mindestens so gut wie Madness zu spielen, mindestens so verrückt, wenn nicht sogar verrückter. Ich spürte eine Welle, die mich trug.

Kathi stand in der Menge und schaute traurig-böse. Nach unserer Madness-Show ging ich von der Bühne und schnurstracks auf sie zu. Ich spüre jetzt noch diesen geradlinigen Mut in mir, diese Welle, die mich trug. Sie rannte davon, ich ihr nach, draußen hinter den Hecken holte ich sie ein. Ich packte sie, sie wehrte sich, doch plötzlich sank sie vor mir hin. Ich strich über ihre Brüste, die sich rund und weich anfühlten, ja, das habe ich am meisten in Erinnerung, dieses Gleiten meiner Hand über ihre weichen und runden Brüste. Dann packte sie mein Gesicht mit beiden Händen und presste ihren Mund fest an meinen. Ich erschrak und wich zurück. Das war zu viel Liebe. Da war die Flut, die über mich kam, und ich hatte plötzlich Angst, in ihr zu ertrinken. Ich drehte mich um und ging zurück ins Trockene, zu meinen Kumpels. Später sah ich Kathi inmitten ihrer Freundinnen, mit Tränen in den Augen.

Du liegst immer noch im Gras. Ich sitze hinter dir, am Stamm des Baumes, wie ein Maler, um den Moment einzufangen. Als die Sonne die obersten Baumwipfel streichelt, hinter denen sie verschwinden wird, kommst du zu mir. Wir umarmen uns. Ist das jetzt die Flut des Frühlings, oder ist es eine sanfte Welle, die uns trägt? Die Vögel singen es von den Bäumen: Es muss Liebe sein:

Welt Wer Worte