Max, ein Bruder meines verstorbenen Vaters, ist vom Starnberger See in den Harz gezogen. Niemand versteht, warum er mit 85 Jahren vom Starnberger See in den Harz zieht.
Letzte Woche ist Max am Starnberger See gewesen, aber er wollte dringend wieder in den Harz, obwohl sein Auto bei der Reparatur am Starnberger See war. Er fuhr mit einem Ersatzwagen in den Harz. Jetzt sind die Reparaturen an seinem Wagen abgeschlossen, und Max brüllt ins Telefon: „Margot, ich will den Wagen haben, bring ihn mir!“, aber meine Tante Margot ist 82 Jahre alt, verzweifelt schaut sie mich an, und ich sage: „Ich bringe den Wagen in den Harz!“, daraufhin packt sie einige Sachen, sie sagt: „Nimm das mit, das könnte er brauchen. Ich weiß nicht, wann er wieder kommt. Er sagt es mir nie.“
Ich mache mich vom Starnberger See auf den Weg in den Harz. Im Sonnenlicht auf der Autobahn nach Nürnberg gebe ich Gas. Insekten klatschen an die Scheibe und sterben. Ich stelle mir meinen Vater vor, wie er neben mir sitzt und ihren Tod leise betrauert. Vorbei an Bamberg, Suhl und Erfurt, viele Insekten sterben, nicht nur an der Scheibe, das sind nur die, die ich sehe, noch mehr sterben vorne am Kühlergrill, unauffällig, meinen Blicken verborgen.
Bei Erfurt endet die Autobahn, die letzten fünfzig Kilometer lege ich auf Bundesstraßen zurück, bis ich in den Harz komme, wo die drei Bundesländer Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen aneinander grenzen. Max hat ein altes Haus in der Nähe von Nordhausen erworben. Als ich ankomme, steht er schon an der Straße.
„Ah, da ist er ja, der Wagen!“ Max ignoriert mich, geht zum Kofferraum und öffnet die Klappe.
„Hier wohnst du also, Onkel Max“, sage ich.
„Ja ja“, sagt er, ohne aufzublicken und inspiziert das Auto, wohl um die durchgeführten Reparaturen zu kontrollieren.
„Was ist das für ein Haus, Onkel Max?“
„Wie? Was? Das Haus. Ja. Ziemlich alt.“ Er blickt zu mir auf: „Ich glaube, hier hat mal ein Nazi-Scherge gewohnt, ich glaube der letzte Kommandant vom Lager hier. Wie hieß der nochmal? Nach dem Krieg hat er sich unter falschem Namen versteckt. Vater und er kannten sich. Das weiß ich. Eines der wenigen Dinge, die ich weiß. Wie hieß der nochmal?“
Nervös läuft er zum Haus und gleich wieder zurück, es beschäftigt ihn über Maßen, den Namen des KZ-Kommandanten zu erinnern, er erinnert ihn nicht, er bleibt stehen und lehnt sich an den Gartenzaun, er wendet sich wieder zu mir, er sagt: „Ja, mein Junge, ja, also, was machst du jetzt, kommst du in das Haus, wir finden sicher einen Platz -„, er bricht ab und versinkt wieder in Gedanken und murmelt: „Wie hieß der nochmal? Vater und er kannten sich…“
Wie ferngesteuert steige ich in den Ersatzwagen, um zu flüchten. Ich wende hektisch in der Hofeinfahrt, Max kommt an die Scheibe, ich lasse sie runter, er sagt: „Baer hieß er, natürlich, Richard Baer. Vater und er kannten sich.“
„Baer hieß er“, wiederhole ich ungläubig und fahre davon. Jetzt fallen mir die Hinweisschilder zur Gedenkstätte KZ Mittelbau-Dora auf, die überall am Straßenrand stehen, die ich bei der Herfahrt überhaupt nicht wahrgenommen habe. Ich folge ihnen. Kurz vor Ankunft sehe ich zwei Männer am Straßenrand. Sie sind vollkommen erschöpft. Als ich näherkomme, bemerke ich: Einer der Männer ist mein Vater. Ich lasse die Scheibe runter, mein Vater sagt: „Junge, wir müssen schnell weg hier. Bring uns weg von hier! Schnell!“ Ihm laufen Schauer über den Rücken vor Angst. Er öffnet eine der hinteren Türen des Wagens, der andere Mann fällt auf die Sitzbank und bleibt reglos liegen. Mein Vater springt in den Wagen neben mich, ich gebe Gas, dass die Räder quietschen. Wie viele Insekten sterben jetzt an Scheibe und Kühlergrill? Egal. Schnell weg hier!
Dann fährt der Wagen von selbst weiter, wir gleiten auf unserer Flucht durch die Landschaft. Ich betrachte meinen Vater. Ich bemerke, dass er so alt ist wie ich. Aber er ist mein Vater. Ganz sicher. Ganz sicher, ich sehe es, ich spüre es. Als ich meinen Vater betrachte mit der ganzen Liebe eines Sohnes, begreife ich, wer der Mann auf der Rückbank ist: Es ist mein Großvater! Ein Schauer fährt mir durch den Rücken, mein Vater blickt mich entsetzt an und sagt: „Junge, gib Gas! Schnell weg hier!“
Es wird dunkel. Ich weiß nicht, ob ich Gas gebe oder nicht. Eine merkwürdige Ruhe liegt auf unserer Flucht. Eine große Traurigkeit nistet sich ein, die getragen wird von der Gewissheit, dass nichts passieren kann, wenn ich mit meinen Vätern bin.

