Juan Horn

An einem warmen Sommerabend trafen sich sieben Menschen unter einem Baum. Von diesen sieben Menschen waren vier Menschen männlich und drei Menschen weiblich, was von Anfang an Unruhe in den Abend brachte, denn es war geplant, dass sich vier Männer und vier Frauen treffen, um für eine ausgeglichene Geschlechterquote zu sorgen, denn, so sagt einer der Teilnehmenden, eine ausgeglichene Quote zwischen den Geschlechtern sorgt für Ruhe, während eine unausgeglichene Quote zwischen den Geschlechtern für Unruhe sorgt.

Ein gewisser Horn, ein teilnehmender Mann dieses Treffens, erhob sich deshalb und sagte: „Tut so, als sei ich nicht anwesend, dann haben wir eine ausgeglichene Quote von drei Männern und drei Frauen!“, woraufhin einer der Teilnehmer, es ist unbekannt ob Mann oder Frau, entgegnete, sie schaffe es nicht, so zu tun, als ob Horn nicht anwesend sei, woraufhin Horn meinte, er fühle sich heute Abend nicht mit seinem Geschlecht identifiziert, was es erleichtern sollte, so zu tun, als sei er nicht anwesend. Schließlich wurde Horn gefragt, ob er nicht die vierte Frau rufen könne, die ursprünglich hätte kommen sollen, dann müsse man nicht so tun, als ob er nicht anwesend sei, woraufhin Horn laut zu rufen begann, aber alles Rufen half nichts, die vierte Frau erschien nicht, woraufhin alle so taten, als sei Horn nicht anwesend, außer dem Teilnehmer, die es nicht schaffte, so zu tun, als sei Horn nicht anwesend.

Es wurde nun viel über Horn, aber nicht mit Horn geredet, wobei der Name Horn nicht fiel, denn Horn ist der Nachname dieses männlichen Menschen, und sein Vorname ist Juan, man redete also über Juan, Juan hin, Juan her, was macht Juan wohl heute Abend, er ist wohl verhindert, vielleicht hat er Probleme, sich mit seinem Geschlecht zu identifizieren und ist deshalb nicht gekommen, darüber wurde geredet, und wenn Horn, der ja anwesend war, obwohl alles so taten, als ob er nicht anwesend sei, wenn Horn das Gefühl hatte, das Gespräch über ihn kommt ins Stocken, dann redete er über sich in der dritten Person, um das Stocken wieder zu einem Fließen zu machen, er sagte zum Beispiel: Ich glaube, Juan ist heute nicht da, weil er sich gerade nicht mit seinem Geschlecht identifizieren kann.

Nur einer, einer der Anwesenden, sie redete nicht, war es ein Mann oder eine Frau, es ist wieder nicht bekannt, er redete und redete nicht, nach einiger Zeit, als der Abend schon in die Nacht übergegangen war, sagte sie: Über wen redet ihr hier die ganze Zeit? Wer ist dieser Horn, und hat er keinen Vornamen, weil ihr immer nur Horn sagt, wenn ihr über ihn redet? Daraufhin meldete sich Horn und sagte: Natürlich hat dieser Horn einen Vornamen, im übrigen wird auch dauernd nur seine Vorname gesagt, Juan wird gesagt, das ist sein Vorname, und ich frage mich, wie es passieren kann, dass jemand Juan sagt und jemand anderer Horn versteht. Da kam das Gespräch ins Stocken, und die Menschen beendeten ihr Treffen unter einem Baum.

Marbet

Martina und Bettina sind eineiige Zwillingsschwestern. Da sie kaum zu unterscheiden sind, werden sie von vielen Marbet genannt, von wenigen, die sie unterscheiden können, werden sie Mar und Bet genannt.

Ihre Mutter Christina sagt:
„Ich liebe meine zwei Tinas! Und gemeinsam sind wir drei Tinas!“
Vater Christoph stört es nicht, von dieser Dreieinigkeit ausgeschlossen zu sein. Er sagt:
„Ich liebe meine Frau und meine Töchter! Wie hätten wir sie denn nennen sollen, wären sie Söhne geworden? – Martoph und Bettoph? Nein, nein, ich Toph liebe meine drei Tinas! Und wenn es mir mal zuviel wird, lese, höre oder schaue ich Karl Valentin.“

Mar und Bet haben mittlerweile das Erwachsenenalter erreicht. Sie lieben denselben Mann, der Sebastian heißt. Sie nennen ihn, zu Ehren ihres Vaters, liebevoll Sebastoph. Sie erwarten jeweils ein Kind von ihm. Sebastoph ist – es überrascht einen nicht – ein Mann, der sich gern mit Frauen umgibt.

Gespannt erwarten alle die Geburt der beiden Kinder, und alle hoffen, dass es zwei Mädchen sind, die geboren werden, die sie Valentina und Sebastina nennen wollen.

Baer und er kannten sich (Ausflug nach Mittelbau-Dora)

Max, ein Bruder meines verstorbenen Vaters, ist vom Starnberger See in den Harz gezogen. Niemand versteht, warum er mit 85 Jahren vom Starnberger See in den Harz zieht.

Letzte Woche ist Max am Starnberger See gewesen, aber er wollte dringend wieder in den Harz, obwohl sein Wagen bei der Reparatur am Starnberger See war. Er fuhr mit einem Ersatzwagen in den Harz. Jetzt sind die Reparaturen an seinem Wagen abgeschlossen, und Max brüllt ins Telefon: „Margot, ich will den Wagen haben, bring ihn mir!“ Meine Tante Margot schaut mich verzweifelt an, und ich sage: „Ich bringe den Wagen in den Harz!“, daraufhin packt sie einige Sachen, sie sagt: „Nimm das mit, das könnte er brauchen. Ich weiß nicht, wann er wieder kommt. Er sagt es mir nie.“

Ich lasse Margot zurück am Starnberger See und mache mich auf den Weg in den Harz. Im Sonnenlicht auf der Autobahn nach Nürnberg gebe ich Gas. Insekten klatschen an die Scheibe und sterben. Ich stelle mir meinen Vater vor, wie er neben mir sitzt und ihren Tod leise betrauert. Vorbei an Bamberg, Suhl und Erfurt, viele Insekten sterben, nicht nur an der Scheibe, das sind nur die, die ich sehe, noch mehr sterben vorne am Kühlergrill, unauffällig, meinen Blicken verborgen.

Bei Erfurt endet die Autobahn, die letzten fünfzig Kilometer lege ich auf Bundesstraßen zurück, bis ich in den Harz komme, wo die drei Bundesländer Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen aneinander grenzen. Max hat ein altes Haus in der Nähe von Nordhausen erworben. Als ich ankomme, steht er schon an der Straße.
„Ah, da ist er ja, der Wagen!“ Max ignoriert mich, geht zum Kofferraum und öffnet die Klappe, schaut auf die Sachen, die Margot für ihn gepackt hat.
„Hier wohnst du also, Onkel Max“, sage ich.
„Ja ja“, sagt er, ohne aufzublicken und inspiziert das Auto, um die durchgeführten Reparaturen zu kontrollieren.
„Was ist das für ein Haus, Onkel Max?“
„Wie? Was? Das Haus. Ja. Ziemlich alt.“ Er blickt zu mir auf: „Ich glaube, hier hat mal ein Nazi-Scherge gewohnt, ich glaube, der letzte Kommandant vom Lager hier. Wie hieß der nochmal? Nach dem Krieg hat er sich unter falschem Namen versteckt. Vater und er kannten sich. Das weiß ich. Eines der wenigen Dinge, die ich weiß. Wie hieß der nochmal?“
Nervös läuft er zum Haus und gleich wieder zurück, es beschäftigt ihn über Maßen, den Namen des KZ-Kommandanten zu erinnern, er erinnert ihn nicht, er bleibt stehen und lehnt sich an den Gartenzaun, er wendet sich wieder zu mir, er sagt: „Ja, mein Junge, ja, also, was machst du jetzt, kommst du in das Haus, wir finden sicher einen Platz -„, er bricht ab und versinkt wieder in Gedanken und murmelt: „Wie hieß der nochmal? Vater und er kannten sich…“

Wie ferngesteuert steige ich in den Ersatzwagen. Ich wende hektisch in der Hofeinfahrt, Max kommt an die Scheibe, ich lasse sie runter, er sagt: „Baer hieß er, natürlich, Richard Baer. Vater und er kannten sich.“

„Baer hieß er“, wiederhole ich ungläubig und fahre davon. Jetzt fallen mir die Hinweisschilder zur Gedenkstätte KZ Mittelbau-Dora auf, die überall am Straßenrand stehen. Die ich bei der Herfahrt überhaupt nicht wahrgenommen habe. Ich folge ihnen. Kurz vor Ankunft sehe ich zwei Männer am Straßenrand. Sie sind vollkommen erschöpft. Ich kenne die beiden Männer, mehr noch, sie sind mir vertraut, mehr noch, wie soll ich es ausdrücken, was ich plötzlich empfinde? Sie sind mir vertraut wie zwei Väter. Einer sieht mich an und winkt. Ich lasse die Scheibe runter, er sagt: „Junge, wir müssen schnell weg hier. Bring uns weg von hier! Schnell!“ Er öffnet eine der hinteren Türen des Wagens, der andere Mann fällt auf die Sitzbank und bleibt reglos liegen. Er selbst springt in den Wagen neben mich, ich gebe Gas, dass die Räder quietschen. Wie viele Insekten sterben jetzt an Scheibe und Kühlergrill? Egal. Schnell weg hier!

Der Wagen fährt von selbst weiter, wir gleiten auf unserer Flucht durch die Landschaft. „Vater!“ sage ich zu dem Mann neben mir, obwohl er etwa gleich alt ist wie ich. Als ich ihn betrachte mit der ganzen Liebe eines Sohnes, begreife ich, wer der Mann auf der Rückbank ist: Es ist mein Großvater. Baer und er kannten sich. Ein Schauer fährt mir durch den Rücken, mein Vater blickt mich entsetzt an und sagt: „Junge, gib Gas! Schnell weg hier!“

Es wird dunkel. Ich weiß nicht, ob ich Gas gebe oder nicht. Eine merkwürdige Ruhe liegt auf unserer Flucht. Eine große Traurigkeit nistet sich ein, die getragen wird von der Gewissheit, dass nichts passieren kann, wenn ich mit meinen Vätern bin.

Bob Dylans Schreie nach Liebe

Bob Dylan wurde einmal gefragt, wie das Verhältnis zu seinen Eltern sei, und er antwortete: „Manchmal passiert es, dass du die falschen Eltern hast.“

Habe ich die falschen Eltern gehabt? Die Traumaforschung sagt, Traumata entwickeln sich über Generationen fort, und so ist es in Mode gekommen zu sagen, man habe die falschen Eltern gehabt, denn auch die Eltern hätten bereits die falschen Eltern gehabt und so weiter.

Ich habe als Kind nicht die Liebe bekommen, die ich gebraucht hätte, so glaubte ich, ich sei selber falsch. Die Eltern können nicht falsch sein! Sie sind die unumstössliche Wahrheit, die einzige Quelle der Liebe, die man zum Leben braucht. Ich begann, mich für mich selbst zu schämen und wollte so sein, dass mich meine Eltern lieben. Ich begann, mich vor mir selbst, meinen Gefühlen und Bedürfnissen zu verschließen. Ich ahnte nicht, dass meine Eltern selbst verschlossen waren und nicht das tun konnten, was sie tun wollten: mich, ihr Kind, bedingungslos zu lieben.

Ich habe lange geglaubt, dass ich dazu verdammt bin, ein Kind zu bleiben, das hilflos auf die Liebe seiner Eltern angewiesen ist. Jetzt weiß ich, jetzt habe ich die Gewissheit: Ich habe als Erwachsener die Chance zu lernen, mir selbst Liebe zu geben, auch wenn es mühsamer ist, als wenn ich es als Kind bereits gelernt hätte. Doch weil es die Eltern nie gelernt haben, weil sie von ihren Eltern nicht gelernt haben…

Letzte Nacht erschienen mir meine Eltern im Traum. Sie waren freie, offene Menschen, voller Liebe zu sich selbst. Voller Liebe zu mir. Ich war glücklich. Gleichzeitig war mir bange. Würde diese Liebe wieder vergehen, und es so werden, wie es immer war?

Als ich erwachte, waren meine Eltern nicht da. Ich fühlte mich einsam wie das kleine Kind, das Liebe braucht. Ich dachte an Bob Dylans Worte über seine Eltern. Sind nicht alle seine Lieder, oder zumindest die, die mich berühren, Schreie eines Kindes nach Liebe?

Wie die Bäche im Englischen Garten in München zu ihren Namen kamen

aus der Reihe „Unsere schöne bayrische Heimat“

Der Auftrag war klar: Trockenlegung der Isarauen nördlich der Residenz, um das Gebiet zu einem Volkspark zu machen. Es wurde gerodet, gefällt, gepflanzt, und vor allem: Es wurde entwässert und Betten wurden angelegt, um das Isarwasser kontrolliert durch die ehemaligen Auen fließen zu lassen. Drei Wasserbetten wurden angelegt: Eines am östlichen Rand, das schon nach gut zwei Kilometern wieder in die Isar geführt wurde, eines am westlichen Rand, und das dritte mittendurch.

Kurfürst Karl Theodor, der den Auftrag zur Anlage des Volksparks gegeben hatte, war ein Freund der Namensgebung. Er beauftragte Friedrich Ludwig von Sckell, den Ausführenden der Parkgestaltung, Namen für die drei Bachläufe zu finden. Sckell war jedoch mit anderen Dingen beschäftigt als Namen für die drei Bachläufe zu finden, und so beauftragte er zwei Männer, deren Namen heute nicht mehr bekannt sind, Namen für die drei Bachläufe zu finden.

Die zwei Männer gingen daraufhin von der Residenz durch den Hofgarten zum ersten Bach im neuen Volkspark, der am Zusammenfluss der drei Stadtbäche Papiererbach, Stadtmühlbach und Stadtsägemühlbach entstand, dort, wo heute die Prinzregentenstraße verläuft. Es war Sommer, und einer der Männer sprang in den Bach und badete.
„Ganz schön eisig!“ rief er aus, als er aus den Fluten wieder auftauchte.
„Gut!“ rief der andere, „wir nennen diesen Bach Eisbach!“
Der eine hatte nichts dagegen, der Beschluss der Namensgebung des ersten Baches war einstimmig gefallen.

Dem einen war noch kalt vom Bad im eisigen Wasser des Eisbachs, und so gingen sie nicht weiter den östlichen Bachlauf entlang, der durch schattigen Wald führt, sondern den westlichen, der bald eine sonnige Wiese zu Füßen des Monopteros erreicht.

Als sie die sonnige Wiese erreicht hatten, sagte der eine: „Den östlichen Bachlauf, der durch schattigen Wald führt, nennen wir weiterhin Eisbach. Er fließt ohnehin bald in die Isar.“
„Einverstanden!“ sagte der andere, „aber wie nennen wir den westlichen?“ fragte er, als sie auf der sonnigen Wiese an dessen Ufer standen.
Sie hatten keine Ahnung, wie sie diesen Bachlauf nennen sollten, und so gingen sie ihm weiter entlang, bis einer der beiden sagte: „Der fließt ganz schön nah an Schwabing entlang.“
„Schwabinger Bach!“ rief der andere begeistert aus, und sie klatschten sich ab, weil zwei Drittel der Arbeit getan waren.

Nach ihrem kleinen Freudentaumel fragte der eine: „Wo fließt denn der dritte Bach?“
„Ich glaube, der zweigt vom Eisbach ab.“
„Hm, wir hätten also doch den Eisbach entlanglaufen sollen!“
„Nein, sonst wäre mir noch immer kalt vom eisigen Bad und wir hätten noch keinen Namen für den Schwabinger Bach!“

So standen sie eine Weile motivationslos da, bis einer sagte: „Du sagst, der dritte Bach zweigt vom Eisbach ab. Sollen wir ihn nicht einfach Eisabzweigbach nennen?“
„Nein, das geht nicht: Der Kurfürst will einen eigenen Namen für den dritten Bach. Und außerdem zweigen alle Bäche von der Isar ab, dann müssten sie alle Isarabzweigbach heißen beziehungsweise Abzweigbach vom Isarabzweigbach und so weiter und so fort!“
Schweigend stimmte der andere zu, und schweigend gingen sie weiter, um zunächst den dritten Bachlauf und dann einen Namen für ihn zu finden. Als sie den Bachlauf gefunden hatten, kam ihnen ein Mann entgegen. Sie fragten ihn, ob er öfter hier entlanggehe, und er sagte ja, und sie fragten ihn, wer er sei, und er sagte, er sei der Oberstjägermeister.
Als er weitergegangen war, sagte der eine zum anderen: „Wenn er öfter hier entlanggeht und der Oberstjägermeister ist, dann nennen wir den Bach Oberstjägermeisterbach!“
„So machen wir es!“ sagte der andere begeistert.

Zufrieden gingen sie zur Residenz zurück, um von Sckell und dem Kurfürsten von ihrer Namensfindung zu berichten, die von den hohen Herren, wie man heute weiß, für gut befunden wurde.

Worte

Wir glauben einfach zu viel an Worte. Wir meinen, wir könnten mit Worten etwas ändern. Meiner Ansicht nach geht es noch weiter: Wir benutzen Worte oft, um nichts zu ändern.

                            Alexander Lowen

Welt Wer Worte